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De Exitu anime (Birgit Knapp)

Die mittelaterliche Jenseitsreise

Visio Tnugdali im Lateinunterricht, Projektvorschlag für 10-12 Lateinstunden in der 7. Klasse Gymnasium

Aus der Einleitung:

Der irische Ritter Tnugdalus ist die Hauptfigur in einer der erfolgreichsten Jenseitsvisionen des 12. Jahrhunderts - der Visio Tnugdali. Tnugdalus, der sich ganz der luxuria hingibt, hat viele Freunde, feiert gerne, hält nicht viel von der Kirche, ist skrupellos, diebisch und auch sonst kein Kind von Traurigkeit. Als er bei einem Freund Schulden eintreiben will und dieser ihn zu einem Abendessen einlädt, um den aufgebrachten Tnugdalus zu besänftigen, verfällt der stolze Ritter in einen drei Tage andauernden komatösen Zustand. Er durchlebt während dieser dreitägigen Katalepsie, in der er seine sterbliche Hülle verlässt, eine Reise ins Jenseits. Der Adelige wird dabei Zeuge zahlreicher bizarr-sadistischer Leiden und himmlischer Freuden. Zudem erhält er Kentnisse über den komplexen Aufbau des Jenseits und die zahlreichen Orte, in denen Seelen auf ihren Lohn oder auf ihre grausame Strafe warten.

Auf seiner Reise wird Tnugdalus von seinem Schutzengel begleitet, der ihm die Gräuel der Hölle näher bringt, wobei Tnugdalus auch einige dieser grausamen Leiden am eigenen Leib erfahren muss. Er sieht gewaltige Ungeheuer, führt Kämpfe gegen Dämonen und gegen eine Kuh, trifft alte Bekannte wieder, steht sogar vor den Toren des Satan, leidet mit den Gestraften und erfreut sich an den himmlischen Chören im Paradies. Doch gegen den Willen des sündigen Ritters endet die Reise für die Seele nach drei Tagen. Vom Gesehenen geläutert findet der bekehrte Ritter zum rechten Glauben und beschließt, ein Leben in Demut und Religiosität zu führen.

Diese Jenseitsreise hebt sich durch strahlende und detaillierte Bilder und durch ihre ausführlichen Höllenbeschreibungen von anderen Jenseitsdarstellungen ab. In lateinischer Prosa und in zahlreichen Bearbeitungen präsent, ist sie ein wichtiges Zeugnis für mittelalterliche Jenseitsvorstellungen und Religiösität. Der Visionsbericht um den Ritter Tnugdalus ist also ein Beispiel für eine Vision, die eine Bekehrung zur Folge hat und die auch die RezipientInnen zu einem tugendhaften, den geistlichen Lehren folgenden Leben animieren und erbauen soll.